Zettels Traum

Zettelstraum — Studien zum Wahnsinn Theater ist ein Medium, das durch Sprache, visuelle Gestaltung und Performance Raum für Diskurs, soziale Interaktion und – nach Aristoteles – eine seelische Reinigung durch intensive Gefühle schafft. Genau diese visuelle Dimension steht im Fokus meiner Studie zum Wahnsinn. Ich setze mich mit diesem Begriff auseinander und untersuche seine verschiedenen visuellen Übersetzungen. Wie werden intensive Gefühle visuell vermittelt und wahrgenommen? Diese Untersuchung gleicht einer Archivarbeit, die die Körperlichkeit und die Bedeutung der Kostümarbeit betont und dadurch einen entscheidenden Beitrag für ein sinnliches Erleben des Publikums leistet. Außerdem beschäftige ich mich mit der Frage, wie sich diese Effekte durch Kostüme mit reduzierten Materialien und ohne ein extravagantes Budget erzählen lassen. Das Zitat „Unruhige Träume sind in Wirklichkeit nur flüchtige Augenblicke des Wahnsinns“, das Voltaire zugeschrieben wird, bildet den Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzung mit den Schattenseiten und der Metamorphose in den animalischen Wahnsinn, wie er im Sommernachtstraum erkennbar ist. Dieser Wahnsinn lässt sich insbesondere an Zettel beobachten, der durch Puck in einen Esel verwandelt wird. Diese Verwandlung markiert eine radikale Abkehr von der Vernunft und bietet Raum für eine intensive Betrachtung des Abgleitens ins Unterbewusste und Animalische. Jan Kotts Lesart des Sommernachtstraums, die vor etwa 70 Jahren die romantische Sicht auf das Stück ablegte und es als brutalen Albtraum interpretierte, liefert dabei eine entscheidende Grundlage. In Kotts Analyse wird die scheinbare Leichtigkeit der Handlung als trügerisch entlarvt, und die grotesken, oft verstörenden Elemente rücken in den Vordergrund. Diese Perspektive ermöglicht eine Neubetrachtung des Wahnsinns, der sich in der Spannung zwischen Traum, Verwandlung und Realität manifestiert. „Der Traum einer Sommernacht, zumindest aber jener Traum, der uns am modernsten und entdeckerischsten dünkt, ist ein Durchqueren des Tierischen. Das ist das Hauptthema, das die drei gesonderten Handlungsabläufe verbindet, die Shakespeare im Sommernachtstraum parallel durchführt. Diese animalische Erotik werden Titania und Zettel im wörtlichen, ja sogar im visuellen Sinn durchmachen. Die dunkle Zone dieser Erotik dringt aber auch in das Quartett der Liebenden“Kott, Shakespeare heute S.224) „Es lohnt sich übrigens, das ganze von Shakespeare im Sommernachtstraum beschworene Bestiarium näher zu besichtigen. Unter dem Einfluss der romantischen Tradition im Theater – die durch die Musik Mendelssohns leider bekräftigt wurde – scheint der Wald im Sommernachtstraum eine weitere Wiederholung der Arcadia zu sein. Indes ist es in Wirklichkeit viel eher ein Wald, der von Teufeln und Vampiren bewohnt ist, in dem Hexen und Zauberinnen mühelos alles finden könnten, was sie für ihr Gewerbe benötigen.”(Kott, Shakespeare heute S.225) „Die Szene zwischen Titania und dem in einen Esel verwandelten Zettel wird im Theater häufig humoristisch gespielt. Wenn hier überhaupt von Humor gesprochen werden kann, dann nur im englischen Sinne dieses Wortes. Ich glaube, dass es viel eher ein humour noir ist, grausam und skatologisch, wie man ihm oft bei Swift begegnet. Die ranke und schlanke, zärtliche und lyrische Titania sehnt sich nach tierischer Liebe. Puck und Oberon nennen den verwandelten Zettel ein Ungeheuer. Die zerbrechliche und süße Titania zerrt dieses Ungeheuer ins Bett, nahezu mit Macht, nahezu mit Gewalt. Einen solchen Liebhaber wollte sie. Nach einem solchen Liebhaber hat sie sich gesehnt. Nur dass sie es niemals, nicht einmal vor sich selbst, hat eingestehen wollen. Der Traum hat sie von den Hemmungen befreit. Von der poetischen Titania, die nicht aufhört, über Blumen zu zwitschern, wird der monströse Esel vergewaltigt.“(Kott, Shakespeare heute, S.227) Sucht man, findet man den Begriff „Wahnsinn” klar benannt an verschiedenen Stellen im Sommernachtstraum, „OBERON: Ich frag mich, ob Titania wohl erwacht ist. Und was als erstes ihr ins Auge fiel, Dass sie es bis zum Wahnsinn lieben muss.” „THESEUS: Der Irre, der Verliebte und der Dichter Bestehen ganz und gar aus Einbildung. Der sieht mehr Teufel, als die Hölle fasst; Er ist verrückt. Der Liebende, auch irre, Erkennt die Göttin in der Hottentottin. Des Dichters Auge schweift in schönem Wahnsinn.” Wahnsinn bezeichnet in veralteter Bedeutung einen Zustand geistiger Erkrankung, der mit Wahnvorstellungen einhergeht. Allgemeiner beschreibt der Begriff ein Verhalten, das als ungewöhnlich oder nicht normal empfunden wird. Heute wird „Wahnsinn“ nicht mehr in einem klinischen Sinne verwendet, doch er bleibt eine Bezeichnung für außergewöhnliche, oft extreme Zustände. Dadurch ist der Begriff offener und flexibler, als man vielleicht vermutet. Für mich ist er ein sogar künstlerischer Ausdruck, der Raum für Variationen, Interpretationen und kreative Freiheit bietet – eng verbunden mit einem dunkleren, surrealen Element. Dennoch schwingt die geschichtliche Bedeutung wie ein Schatten stets mit. Ich habe mich entschieden, verschiedene Ansätze der Verwandlung in einer Fotoserie mit jeweils fünf Bildern zu dokumentieren. Durch die Beschränkung auf fünf Bilder lassen sich die beiden Extreme sowie der Prozess der Metamorphose auf einen Blick erfassen. Der Esel wird heute oft als Synonym für Dummheit und Tollpatschigkeit verstanden. Kott jedoch sieht das anders und sagt: „Zettel wird schließlich in einen Esel verwandelt. Aber im Alptraum dieser Sommernacht symbolisiert der Esel keineswegs die Dummheit. Von der Antike bis in die Renaissance wurde dem Esel die größte Potenz zugeschrieben, und von allen Vierbeinern soll der Esel mit dem längsten und härtesten Glied ausgestattet sein“(Kott, Shakespeare heute, S.227).Aus diesem Grund verwende ich in meiner Serie 1 und 5 schwarzes textiles Klebeband, das durch seine fesselähnliche Nutzung klare Assoziationen zu Bondage und Fetisch weckt. Gleichzeitig verbindet man Wahnsinn und psychische Erkrankungen oft mit der Zwangsjacke, die zur Fixierung genutzt wird. In meiner Serie verschmelzen so die Themen Sexualität und Wahnsinn. Nicht nur literarische, sondern auch visuelle, performative Einflüsse dienten für meine Arbeit als Inspirationsquelle: Einen wichtigen Impuls fand ich im japanischen Tanztheater Butoh. Butoh vereint Elemente des Ausdruckstanzes mit avantgardistischer Ästhetik. Die Tänzer bewegen sich oft langsam und kontrolliert, ihre Bewegungen sind geprägt von Verzerrungen und einem intensiven körperlichen Ausdruck, der innere Zustände sichtbar macht. Diese Ästhetik setzt auf eine radikale Erforschung von Schmerz, Dunkelheit und Transformation – Themen, die auch in meiner Arbeit zentral sind. Die minimalistischen, aber intensiven Gesten von Butoh bieten eine einzigartige Inspiration für die Darstellung von Wahnsinn, indem sie das Innere nach außen kehren und das Animalische betonen. Die weiße Farbe im Butoh, die häufig eingesetzt wird, erzeugt einen Verfremdungseffekt und hebt das Menschliche auf. Diese Wirkung habe ich in meiner Serie 7, 8 und 9 integriert. In der bildenden Kunst wird Wahnsinn häufig über das Gesicht dargestellt. Wenn wir an Wahnsinn in der Malerei denken, führt kein Weg an Francis Bacon vorbei. Mit seinen Selbstbildnissen – geprägt von verzerrten Perspektiven, anatomischen Verformungen und expressiver Farbgebung – erzeugt er eine surreale Wahnerfahrung. Dieses Element greife ich in den Serien 7, 8 sowie 9 auf, indem ich durch Farbe und Mimik einen animalischen Wahnsinn erzähle. Als physisches Fundament der Serie 1,2,3 und 4 fungiert eine Europalette. Sie markiert und begrenzt den dreidimensionalen Raum, in dem ich mich bewege, während ich mich mit dem Selbstauslöser fotografiere.Zugleich eröffnet sie eine weitere Ebene und schafft einen Raum, der als Bühne im Sinne der „Bretter, die die Welt bedeuten“ fungieren kann. Welche Emotionen wollen wir nutzen, um das Publikum zu erreichen? Wenn von intensiven Emotionen gesprochen wird, bedeutet das nicht unbedingt wohlfühlende. Ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt ist das Theater der Grausamkeit, ein Konzept, das von Antonin Artaud entwickelt wurde. Dieses Theater stellt die rohe, oft verstörende Intensität menschlicher Emotionen in den Mittelpunkt und bricht mit traditionellen Erzählformen. Ziel ist es, das Publikum durch körperlich und emotional intensive Darstellungen zu schockieren und zu transformieren. Diese Prinzipien beeinflussen meine Studien, indem sie die Grenzen visueller Darstellungen ausloten und neue Wege eröffnen, extreme Zustände wie Wahnsinn erlebbar zu machen. Wie weit kann diese Studie führen? Mit jedem Schritt im Prozess entdecke ich neue Möglichkeiten der visuellen Darstellung von Wahnsinn. Wie extrem können diese Studien noch werden? Und ab welchem Punkt werden aus extremer Darstellung pure Provokation, die zu weit geht? Das sind Grenzen, die ich in zukünftigen Studien oder der Weiterführung dieser Studien herausfinden möchte. Könnte man durch diese Untersuchungen auch andere Begriffe, Emotionen und die Vielfalt ihrer visuellen Übersetzungen erforschen? Auf der anderen Seite sind diese Studien als Selbststudie entstanden, somit nehme ich alle Positionen selbst ein. Ich habe versucht, einen selbstinszenierenden Charakter zu nehmen und eine gewisse Intimität entstehen zu lassen. Die Studien wurden nie in einer Performance realisiert, daher wäre der nächste Schritt, dies auf die Bühne zu bringen, um die finale Wirkung zu erzielen und eventuell zu erkennen, welche Elemente in einer realen Bühnensituation nicht funktionieren. Eine ausschlaggebende und grundlegende Frage, die im Verlauf der Studien aufkam, ist: Was muss ein Kostüm erzählen – und was kann es erzählen? Mit welchen reduzierten Mitteln kann es arbeiten, wie zum Beispiel nur mit Tape oder der Drapierung des Pullis zu einem Eselskopf? Gerade in Zeiten, in denen die darstellenden Künste mit finanziellen Engpässen kämpfen, gewinnt diese Frage an Bedeutung. Literatur Angaben: Jan kott: Shakespeare heute, Warschau 1965: S.215-255 Butoh: die Rebellion des Körpers : ein Tanz aus Japan, 1988 Antonin Artaud: Das Theater und die Pest William Shakespeare, EIN SOMMERNACHTSTRAUM, Deutsch von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens

Max Löffler



Bewerbung

Bachelor

Bewerbungsfrist:
15. Oktober bis 15. November für das Sommersemester

Zulassungsvorraussetzungen:
❶ Nachweis der künstlerischen Begabung
❷ für internationale Bewerber*innen: ausreichende deutsche Sprachkenntnisse (zur Bewerbung Sprachnachweis Deutsch B1 und zur Immatrikulation Sprachnachweis Deutsch B2)

Studiendauer und Studienabschluss:
Regelstudienzeit 6 Semester, 180 Leistungspunkte
Studienabschluss Bachelor of Arts (BA)

Master

Bewerbungsfrist:
15. Oktober bis 15. November für das Sommersemester

Zulassungsvoraussetzungen:
❶ Hochschulabschluss im Bachelorstudiengang Kostümbild an der Universität der Künste Berlin oder in einem gleichwertigen Studiengang einer anderen Hochschule
❷ Nachweis der künstlerischen Begabung
❸ Sprachkenntnisse Deutsch B2 nach GER

Studiendauer und Studienabschluss:
Regelstudienzeit 4 Semester, 120 Leistungspunkte
Studienabschluss Master of Arts (MA)

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Vorbereitend für die Bewerbung zum SoSe 2026:
Anmeldung per Mail an Momo Reß (Tutorin)
momoskostuem_(at)gmail.com

Lehrende

Prof. Beatrix von Pilgrim (Interim)
Kostüme Theater/Film/Studiengangsleitung

Bühnenbildnerin, Kostümbildnerin, bildende Künstlerin, realisiert theatrale Räume und Kostüme für Theaterproduktionen und Performances. Arbeit im Bereich bildender Kunst in Ausstellungen mit Film, Video und Lichtinstallationen. Atelier in Berlin/Braunschweig/Genua.

bvpilgrim(at)udk- berlin.de
www.bvpilgrim.com

Prof. Anette Guther (Interim)
Filmkostüm

Anette Guther arbeitet als Filmkostüm-Bildnerin u.a. mit RegisseurInnen wie Angela Schanelec, Christian Paetzold, Thomas Arslan oder Maria Schrader zusammen und realisiert  in Theaterproduktionen u.a. mit Thorsten Lensing Kostüme für Theaterproduktionen.

anguther(at)web.de

Dr. Stefan Tigges
Dramaturgie/Künstlerische Konzeption

Stefan Tigges (Priv. Dozent Dr. phil.) lehrt und forscht an den Schnittstellen von theoretischer und künstlerischer Ausbildungspraxis (UDK Berlin, Theaterakademie Baden-Würtemmberg, Universität Graz, Institut für Theater-,Film und Medienwissenschaften Wien. Nach einer Zusammenarbeit mit Johan Simons (Thalia Theater Hamburg 02/2025) entsteht  aktuell ein gemeinsames Buch mit Jens Harzer. Stefan Tigges arbeitet seit September 2025 als leitender Dramaturg am Zimmertheater Tübingen.

stefantigges(at)web.de

Dr. Julia Burde
Kulturgeschichte der Kleidung

Parallel zu ihrer Tätigkeit als Kostüm- und Bühnenbildnerin (Oper und Schauspiel) begann Julia Burde 1995 ihre Lehre im Fach Kulturgeschichte der Kleidung. Derzeit unterrichtet sie an der UdK Berlin, der ABK Stuttgart und der HS Hannover. 2019 erschien Julia Burdes Dissertation zur Begradigung der Taillenkontur in der Männermode des 19. Jahrhunderts. Zudem veröffentlichte sie Beiträge zum Filmkostüm, zu Dandykarikaturen, zu historischen Modepuppen und zur Geschichte des Theaterkostüms.

Julia.burde(at)t-online.de

Prof. Renata Helker
Film- und Medientheorie

Renata Helker. Filmwissenschaftlerin, Autorin, Kuratorin. Studium der Theater-und Filmwissenschaft, Germanistik und Philosophie an der FU Berlin. Lehrt an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Film und Fernsehen München. Forschungsgebiete und Arbeitsschwerpunkte: Film- und Schauspielästhetik, Queer Cinema, Filmgeschichte.

Renata-helker(at)t-online.de

Hanna Lenz
Grundlagen

Hanna Lenz arbeitet als Szenografin und Kostümbildnerin vor allem im freien Theater und Film-Bereich (Tanzproduktionen u.a.). Sie  realisiert zudem theatrale Räume im Modebereich.

mail@hanna-lenz.de

Christian Schiebe
Darstellungstechniken

Christian Schiebe arbeitet als freier Künstler und Kurator für verschiedene Ausstellungsformate.

Christian.schiebe(at)googlemail.com
www.christian-schiebe.de

Birte Meier
Maskenbild

Birte Meier arbeitet als freie Maskenbildnerin für Theater und Filmproduktionen.

birtemeier(at)hotmail.de

Vivien Waneck
Experimentelle Gestaltung

Vivien Waneck hat das Werkstattkollektiv in Berlin mitbegründet und realisiert Kostüme und spezielle Objekte für Theater, Film oder Ausstellungen aller Art.

v.waneck(at)gmail.com

Eva Rach
Nähwerkstatt

Arbeitet als freie Schneiderin für diverse Produktionen  u.a. für die Festspiele Salzburg.

eva.rach(at)gmx.de

Karolina Serafin
Videoprojektion

Arbeitet als Videokünstlerin und Szenografin für freie Theaterprojekte im Bereich Schauspiel, Tanz oder Oper.

mail(at)karoserafin.de

Lottie Sebes/Haesoo Jung

Die jungen Soundkünstlerinnen Sebes und Jung arbeiten als Komponistinnen (Sound studies UDK Berlin) im Bereich experimenteller Sound.

Eshu1023(at)gmail.com
c.sebes@udk-berlin.de
www.lottiesebes.com
www.junghaesoo.com

Sara Migliorati

Sara Migliorati ist ausgewiesene Spezialistin für historische Korsagenschnitte und Herstellung.

imsaraz(at)yahoo.it

Ben Tyrell/Jan Dieckmann
Patina

Ben Tyrell und Jan Dieckmann sind Patina-Spezialisten im Filmbereich und verfügen über vielfältige Erfahrungen..

kostuemmaler(at)gmail.com 
benjamintyrrell(at)gmx.net

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